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Erfahrungsbericht

 

Gespräch mit einem ehemaligen Kinderpornokonsumenten

 

Vor mir sitzt ein gepflegter Mann Ende 60. Er trägt ein gebügeltes Hemd und eine Brille. Obwohl es ein warmer Tag ist, trägt er einen blauen, karierten Schal. Wir sitzen uns in einem der Therapieräume von BIOS-BW gegenüber. Es ist ruhig hier und die Sonne scheint durchs Fenster.

 

„Ich bin so froh, dass es das Therapieangebot bei BIOS gibt. Und dass ich es gefunden habe! Als die Polizei mein Haus durchsucht, alles auf den Kopf gestellt und meinen PC mitgenommen hat, gab mir einer der Polizisten die Visitenkarte von BIOS-BW. Rückblickend sollte ich mich bei ihm nochmals richtig bedanken für die spätere Hilfe bei BIOS-BW, die ich ohne diesen Hinweis nicht gefunden hätte. Das Entdeckt werden durch die Polizei war ein Wendepunkt in meinem Leben. Und BIOS-BW war der Wendepunkt von völliger Verzweiflung zu einem Leben mit neuer Hoffnung und Sinn.“

Herr A. hat Kinderpornos geschaut. Er hat sich auf einschlägigen Chats im Darknet Fotos von Kindern angeschaut, die furchtbare Szenen zeigen. Er sagt, er habe selbst auch ein Bild versendet, um mehr Bilder und Filme sehen zu können.  „Ja. Das habe ich getan. Ich verstehe selbst nicht, wieso. Es ist furchtbar und ich schäme mich zutiefst! Ich habe selbst minderjährige Enkel und ich kann nicht verstehen, wie ich so etwas tun konnte.“  

Nun läuft ein Ermittlungsverfahren gegen Herrn A. und er wartet auf Post von der Staatsanwaltschaft.

„Vor dem, was jetzt kommt, habe ich eine Heidenangst. Ich weiß, dass eine Strafe kommt. Je mehr Bilder und Filme man anschaut, umso höher ist die Strafe. Sogar Gefängnis ist möglich. Trotzdem hoffe ich auf ein mildes Urteil. Und ich hoffe, dass das Verfahren nicht öffentlich und das Urteil nicht bekannt wird.

Ich stelle mir vor, was passiert, wenn meine Nachbarn von meinen Taten erfahren. Stellen Sie sich nur mal vor, ein Nachbar ist zufällig am Tag meiner Verhandlung im Gericht. Und dann bin ich da! Was denken Sie, was dann los ist? Ich müsste umziehen. Wer will schon einen Kinderschänder im Haus wohnen haben. Auch meine Verwandten und Freunde wüssten Bescheid. Nur meiner Ex-Frau, meinem Sohn und meiner Schwiegertochter habe ich alles erzählt. Ja, als Kinderschänder ist man abgestempelt, sozial ausgegrenzt. Natürlich weiß ich, dass ich indirekt beim Missbrauch beteiligt war, indem ich mithalf, den Kinderpornographiemarkt am Laufen zu halten - als kleines Rädchen zumindest.“

Es sind nicht nur die Justiz, die Herr A. fürchtet, sondern vor allem die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und das öffentlich Sich-Schämen-Müssen." 

„Ich wusste schon länger, dass ich ein Problem habe. Ich war seit Jahren abhängig von Internetpornographie. Zunächst habe ich die üblichen Pornos angeschaut. Mann und Frau und so. Normales Zeug. Irgendwann nur noch im Darknet, weil ich nicht wollte, dass über meine IP-Nummer herausgefunden würde, dass ich viel Pornographie schaue. Eines Tages kam ich auf Kinderpornographieseiten. So wie ich bei den "normalen" Pornographieseiten ziemlich alles gesehen habe, was es da gibt, so war es auch bei der Kinderpornographie. Von Posen bis Missbrauch. Ich wusste, alles was ich tue, ist verboten. Ich glaubte, im Darknet bleibe ich anonym - die IP-Nummer ist nicht zurückzuverfolgen. Ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Das war ein Fehler. In den USA übernahm das FBI eine Kinderpornographie-Plattform. Die kamen dann auf irgendeine Weise an meine IP-Nummer.

Auf der anderen Seite habe ich immer wieder aus der Sucht herauskommen wollen, aber ich war einfach zu schwach. So komisch das klingt: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es für mich irgendwie wichtig, erwischt zu werden. Wer traut sich schon, sich bei der Polizei selbst anzuzeigen. Von BIOS-BW wusste ich damals nichts.“

Die angespannte Stimmung, die zu Beginn des Gesprächs noch deutlich spürbar war, ist weg. Herr A. redet. Er erzählt mir von seinen Ängsten, von seinen Zielen im Leben, von seiner Scheidung, von seinen Kindern und Enkeln. Ohne, dass ich viele Fragen stellen muss, berichtet er mir ungeschönt auch von eigenen Missbrauchserfahrungen in seiner Kindheit. Er sagt, seit er in Therapie ist, beschäftige er sich zum ersten Mal mit dieser dunklen Seite seiner Vergangenheit. Nach der Hausdurchsuchung fiel Herr A. in eine schwere Depression. Herr A. suchte Hilfe bei BIOS-BW und begann eine Therapie. Zwischenzeitlich war er begleitend über mehrere Wochen in einer Klinik. Nach der stationären Behandlung führte Herr A. die ambulante Therapie bei BIOS fort. Er sieht die Therapie als Chance für ein besseres Leben. Er ist dankbar dafür, dass man ihm hier zuhört. Endlich kann er sich öffnen und eigene Missbrauchserfahrungen aufarbeiten. Außerdem lernt er, sich selbst anzunehmen. Wichtigstes Therapieziel ist es jedoch, ihm dabei zu helfen, keine weitere Straftat zu begehen.

Herr A. fragt mich, ob er pädophil sei. Er habe zwar Kinderpornos geschaut, und Phantasien habe er auch entwickelt. Aber ist jemand, der so etwas tut, ein Pädophiler? Was bedeutet das eigentlich? Herr A. stellt mir diese Fragen. Er fragt mich auch, wie es für mich ist, mit „so jemandem wie ihm“ in einem Raum zu sein.

Wir verabschieden uns. Herr A. bedankt sich bei mir dafür, dass er einfach reden durfte.

 

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Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen leiden 1 – 2 % der Bevölkerung Deutschlands unter pädophilen Neigungen, das sind ungefähr 800.000 bis 1-6 Millionen Menschen. Die Dunkelziffer könnte auch höher sein. Die Diagnose „Pädophilie“ nach ICD—10 F 65.4 bedeutet aber noch nicht, dass jemand eine Straftat begeht. Im Umkehrschluss bedeutet es genauso wenig, dass jemand, der eine Straftat zum Nachteil von Kindern begeht, pädophil ist.

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